Wir bemühen uns hier auf dieser Seite immer wieder Szenarien darzustellen, um mögliche Vorgehensweisen bei PFC / PCC aufzuzeigen. Der hier kurz gezeigte Fall ist anders. Er ist autobiographisch und liegt 20 Jahre zurück.
Wir waren eine gemischte Gruppe von 10 Leuten. Keiner älter als 21 oder jünger als 17. Unser Gruppenleiter war Mitte 20 und Student. Gemeinsam hatten wir beschlossen ann Pfingsten den GR 10 in Frankreich entlang zu wandern, und zwar durch die Pyrenäen zum Meer hin. Ein Highlight war die Bescteigung des Pic de Canigou.
Unsere Ausrüstung hatten wir in unseren Rucksäcken dabei. Neben Schlafsäcken, leichten Zelten und Gaskochern auch Essen für 2 bis 3 Tage, je nachdem wie die Versorgung war.
Kurz vor der Abreise ergab sich noch einen Änderung, die vielleicht wichtig war: Unser Gruppenleiter musste die Teilnahme kurzfristig absagen, die Tour sollte aber trotzdem stattfinden.
Ich selber bin kein besonders guter Bergwanderer. Mir fehlte jegliche Erfahrung mit dem Gelände und ich hatte auch ziemliche Höhenangst. Eine Teilnahme stellte ich allerdings nicht in Frage. Ich vertraute auf die anderen Gruppenteilnehmer und kannte sie zum Teil auch schon seit Jahren. Insbesondere 2 andere Teilnehmer in meinem Alter stachen sportlich heraus. Der eine war auf dem Weg zum Sportstudium und ein anderer war auf der Polizeischule.
Meine persönliche Ausrüstung war minimalistisch. Gewicht zu reduzieren war das erste Gebot. Ich hatte allerdings damals schon ein Faible für die Bücher des Survival Experten Rüdiger Nehberg. Und so befand sich in meiner Ausrüstung ein kleines Survival Kit mit einem Stift zum Verschießen von Leuchtkugeln sowie Erste Hilfe Material, hauptsächlich Langzugbinden und Heftpflaster zur Versorgung von Marschblasen.
Nach einer langen Zugfahrt erreichten wir schließlich unseren Ausgangsort und liefen mit unseren Rucksäcken in die Pyrenäen. Das Wetter war heiß und sehr sonnig und unsere Hauptsorge war die Versorgung mit Wasser. Nach 1 oder 2 Tagen erreichten wir schließlich den Fuß des Pic de Canigou und übernachteten dort. Der Pic de Canigou ist einer der höchsten Gipfel der Pyrenäen. Er hat eine Höhe von über 2700 m gilt als alpines Gelände. Es war zu diesem Zeitpunkt auch im Sommer nicht ganz schneefrei. Die Wege dort setzten zum Teil Trittsicherheit und alpine Erfahrung voraus.
Nach einer schon ziemlich kühlen Nacht auf einer Bergwiese machten wir uns zum Gipfel, den wir etwa um die Mittagszeit erreichten. Hier wurde gegessen und in der Sonne Pause gemacht. Beim Abstieg stiegen wir an der gegenüberliegenden Seite ab. Hier passierte dann ein Unfall. Eine der Teilnehmerinnen verletzte sich das Knie durch Verdrehen und konnte dann nicht mehr auftreten. Die Pfade dort waren allerdings so schmal und steil, dass es lediglich möglich war, hintereinander zu gehen. Wir verteilten also ihr Gepäck auf die Gruppe und nutzten meine Langzugbinden zur Stabilisierung. Dann hüpfte sie, gestützt von vorne und von hinten, den Berg hinunter.
Es war klar, dass diese Art von Unfall uns wahrscheinlich an die Grenzen der Leistungsfähigkeit bringen würde. Wir beschlossen deshalb, die Gruppe aufzuteilen. Während 2 Leute schnell zu einer Hütte absteigen sollten, und Hilfe holen, folgte der Rest der Gruppe langsam nach.
Und dann passierte der zweite wesentliche Unfall, der die Situation der Sache schlussendlich außer Kontrolle brachte.
Beim Abstieg musste das Team ein Schneefeld queren. Dabei rutschte einer der beiden, ein 18 jähriger Junge, ab. In einer Mischung aus Fallen und Rutschen kam er erst wieder 400 m unterhalb im Schneefeld zum Liegen. Dabei war das Schneefeld ähnlich wie eine Sanduhr geformt. Während es unter dem Gipfel noch etwa 30-50 m breit war, wurde es unterhalb zwischen den Felsen sehr schmal. Hier war es nur noch 3-4 m breit und wurde dann in einem flacheren Bereich mindestens 200 m breit. Wir mussten also alle mit ansehen, wie er an der schmalen Stelle auf einigen Felsen aufgeschlagen war. Es war deswegen eine große Erleichterung für uns, als er sich anfing zu bewegen und schlussendlich auf seinen Rucksack zu robbte ( er hatte ihn bei Sturz verloren ). Hier packte er in aller Ruhe seine Isomatte aus und zog seine Fleecejacke an. Noch heute bewundere ich ihn dafür.
Gruppendynamisch erzeugte der Sturz einen großen Eindruck. Es war klar, wir alle müssen noch über das Schneefeld, auch die Verletzte.
Schließlich schafften das auch alle bis auf einen. Mit viel Unterstützung, und ohne Gepäck, holten die zwei Sportskanonen uns einer nach dem anderen rüber.
Wer es nicht schaffte, war ich. In Schneefeldern ist es wichtig, möglichst aufrecht zum Berg zu queren. Dadurch erreicht man einen Schwerpunkt, der für eine gute Haftung am Berg sorgt. Ich selber war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon so ängstlich und verkrampft, dass ich abrutschte. Gott sei Dank konnte ich mich aber nach 10 m wieder im Schnee festkrallen, aber ich war zu panisch, um das Feld zu queren.
Schließlich stieg ich zu der Stelle ab, an der das Schneefeld schmal wurde, und querte dann mit der Hilfe eines anderen Gruppenmitgliedes. Dabei ist mir noch deutlich in Erinnerung, wie ich mich an einem Felsen festhalten wollte und dabei plötzlich die Armbanduhr des Verletzten in der Hand hatte. Die Uhr war an dieser Stelle von seiner Hand gerissen worden.
Im weiteren Verlauf wurde die erste Verletzte von einem Teil der Gruppe weiter zu der Cortalets Hütte abtransportiert.
Der Rest der Gruppe (wir waren noch 4 ) kümmerte sich um den 2. Verletzten. Er war ansprechbar, hatte eine gebrochene Hand, eine Kopfplatzwunde und eine leichte Unterkühlung. Wir führten ihn vom Schneefeld und suchten einen halbwegs ebenen Platz, an dem er , nachdem seine Wunden abgedeckt waren, in zwei Schlafsäcken eingepackt wurde. Zu allem Übel wurde das Wetter jetzt immer schlechter. Zwischenzeitlich regnete es, schneite dann und Nebel zog auf.
Zweimal versuchte ein Hubschrauber anzufliegen, ich verschoss Signalkugeln, aber wir konnten ihn aufgrund des Nebels nur hören und nicht sehen.
Den Rest der Zeit verbrachten wir mit Tee kochen, singen und endlosen Gesprächen um den Verletzten wach zu halten. Ich selber hatte zu dieser Zeit auch mit Schmerzen in den Händen zu kämpfen die über Tage anhielten. Das Festkrallen im vereisten Schnee und die dann einsetzende Kälte sorgte für eine leichte Erfrierungen den Händen.
Gegen Abend tauchte der Polizeischüler auf. Er hatte den Rest der Gruppe zur Hütte begleitet und war dann wieder aufgebrochen, um nach uns zu sehen. Wir beschlossen, die Gruppe im Berg nochmals zu reduzieren. Nur noch zwei Personen sollten mit dem Verletzten biwakieren und der Rest machte sich auf den Weg zur Hütte.
Vor dem Abstieg erklärte ich noch kurz die Nutzung des Signalstifts und machte mich dann zusammen mit den beiden anderen an den Abstieg. Auf dem Weg nach unten begegneten uns eine Gruppe französischer Polizisten und ein Arzt, die auf dem Weg zum Verletzen waren. Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die Hütte. Hier sah ich, wie die erste Verletzte mit einem Geländewagen abtransportiert wurde.
Die Berg- Gendarmerie erreichte dann noch in der Nacht die Hütte. Der Arzt hatte den Verletzten weiter stabilisiert, den Knochenbruch geschient und er konnte dann auf eigenen Beinen zur Hütte laufen.
Auf die Frage, wem denn die „Signalpistole“ gehöre, meldete ich mich kleinlaut. Ein junger Beamter wollte wohl gerade meine Personalien aufnehmen, um mich zu anzeigen oder zumindest zu überprüfen. Sein Vorgesetzter unterbrach ihn aber mit einer abwinkenden Handbewegung und ich erhielt meinen Signalstift wieder.
Gegen 23 Uhr war auch der zweite Verletzte auf dem Weg ins Krankenhaus und wir ließen uns noch eine Tütensuppe schmecken.
Reflexion
Grundsätzlich ist diese Bergtour sicherlich kein Paradebeispiel für die Prolonged Fieldcare. Mit heutigem Wissen, würde ich wahrscheinlich aus der gleichen Situation viel mehr herausholen. Man kann also die Reflexion über diesen Fall in zwei Teile spalten. Was wäre damals möglich gewesen und was wäre heute möglich?
Zunächst einmal fällt auf, dass die Vorbereitung und der Grad der körperlichen Kondition nicht der Tour angemessen waren. Das Alpine Gelände hat mich und auch andere an seine Grenzen gebracht und so die Risiken enorm erhöht.
Das Aufteilen der Gruppe war am Anfang sicherlich überhastet. Ruhigere Entscheidungen und die Idee, den ersten Versuch, Hilfe zu holen, ruhiger anzugehen, hätten vielleicht dazu geführt, dass die Situation ohne Eskalation verlaufen wäre.
Kommunikation und Zusammenarbeit waren sicherlich hervorragend. Gerade die informellen Teamleader haben in dieser Situation großartiges geleistet.
Die Versorgung des Patienten war sicherlich gut. Selbst nach heutigen Maßstäben werden Laien sicherlich nicht viel anders machen. Taktisch stelle ich mir allerdings die Frage, ob durch einen besseren Platz, es möglich gewesen wäre, ein Zelt aufzubauen, um noch besseren Schutz zu bieten.
Nach heutigen Maßstäben würde man hier ein intensives Monitoring betreiben. Insgesamt war der Patient zwischen 6 und 8 Stunden am Berg. Wenn sich in dieser Zeit zeigt, das es keine Veränderung im Zustand gibt, die auf eine schwere Kopfverletzung hindeutet, würde ich heute sicher auch versuchen, den Patienten laufen zu lassen.
Voraussetzung hierfür ist allerdings die Schienung der Handverletzung. Hiermit lassen sich Schmerzen lindern.
Mich persönlich hat es in zwei Richtungen beeindruckt. Ich selbst habe zu dieser Zeit begonnen mich mehr für Outdoor Erste Hilfe zu interessieren und bin schließlich bei PFC gelandet. Zum anderen ist mir klar geworden, dass der Patient und seine Behandlung immer nur ein Teil des Problems sind. Auch die Gruppe und die äußeren Faktoren sind wesentliche Umstände, die eine Situation maßgeblich beeinflussen. Man gerät schnell in einen Tunnel, in dem sich alles um den Patienten dreht und Gefahren und Chancen übersehen werden.
Bildquellen
- Refuge_des_Cortalets_l’hiver_(face_au_pic_du_Canigo): Wikipedia
