Grundsätzliche Überlegungen
Auch wenn PFC/PCC bei der Resourcen armen Umgebung ansetzt und an vielen Stellen gezielt Gewicht und und Volumen einspart, ist eine grundsätzliche Ausstattung in Form eine Prolonged Fieldcare Kits sicherlich unabdingbar.
Dabei gibt es verschiedene Punkte die bei der Zusammenstellung eine Rolle spielen:
– Welche Materialien sind bereits in einer normalen medizinischen Ausstattung vorhanden?
– Welche medizinische Ausbildung ist beim Nutzer ist vorhanden?
– Welche medizinisch relevanten Voraussetzungen sind gegeben?
Gerade der letzte Punkt spiegelt eine große Bandbreite an Punkten wieder, die hier wesentlich bestimmend sind. Hier spielt der Ort, die Transportmöglichkeiten und somit auch die Zeitachse einer Evakuierung eine wesentliche Rolle. Hinzu kommen endemische (dort vorhandene) Krankheiten und die Zielgruppe der Patienten eine Rolle. All das sollte in eine sogenannten Medical Assessment vorher bewertet werden, bevor ein Kit zusammen gestellt wird. (hierzu ein separater Artikel)
Bei den ersten beiden Fragen stellt sich jetzt die Aufgabe einen hypothetischen Startpunkt zu finden. Während es in Bestrebungen gibt PCC für Ersthelfer bewältigbar zu machen, stellt sich trotzdem die Frage ab welchem Level an Ausbildung PCC/ PFC als Konzept Sinn macht. Hier steht der Verfasser auf dem Standpunkt, dass PCC/ PFC ab einer Ausbildung als Einsatzsanitäter/ Rettungshelfer oder Betriebssanitäter Sinn macht. Bei diesem Personenkreis ist das Wissen über grundsätzliche Vitalfunktionen gegeben und es besteht die Möglichkeit die Qualität diese zu erheben (Blutdruck, Puls, Atmung, SPO²…).
Hier setzt auch die Ausstattung an, die man hier hier hypothetisch Voraussetzen kann. Ein San Rucksack nach der DIN 13155 enthält nichts womit ein Einsatzsanitäter nicht umgehen kann und bietet bereits viele Möglichkeiten der Behandlung.
Insgesamt dürfte aber auch ein solcher San Rucksack in vielen Situationen zu groß sein um ihn mitzuführen. Der Inhalt lässt sich aber gezielt verschlanken oder reduzieren ohne wesentliche Möglichkeiten zu verlieren. Ob zum Beispiel ein Beatmungsbeutel von AMBU oder eine Micro BVM mitgeführt wird, spielt hier keine entscheidende Rolle.
Wesentlich wichtiger ist hier die Frage was ergänzt oder ersetzt werden sollte. Hier kann man sich zunächst an dem wesentlichen Punkten des cABCD abarbeiten.
Catastrophic Bleeding
Die wesentlichen Mittel zur Behandlung von schweren Blutungen sind im Rucksack nicht vorgesehen. Tourniquets, Compressed Gaze oder auch blutgerinnende Gaze ist nicht vorhanden. Das spielt in einer PFC / PCC dann eine Rolle wenn zum Beispiel eine Tourniquet Konversion vorgenommen werden soll oder eine erneute Blutung gestoppt werden muss.
Airway
Die Vorgaben zur Sicherstellung eines Atemwegs sind in der DIN Vorgabe umfangreich und nicht schlecht. Lediglich die Güdel- Tuben sollten durch Wendel Tuben ersetzt oder ergänzt werden. Diese können auch von wachen Patienten noch toleriert und sind deswegen den Güdel-Tuben in der längeren Versorgung überlegen.
Breathing
Hier fehlt in dem San Koffer grundsätzlich ein Chest Seal und eine Pulsoximeter. Nadeln zum entlüften eines Spannungspneumothorax liegen auch hier wieder außerhalb des Fähigkeitsprofils, wären aber wünschenswert. Da eine längerfristige Beatmung im PFC Fall denkbar ist fehlt im wesentlichen aber ein PEEP-Ventil um die Lungenfunktion adäquat zu unterstützen.
Circulation
Hier ist die Grundausstattung mit Stethoskop und Blutdruckmanschette sicherlich gegeben. Der wesentliche Punkt in diesem Fall ist jedoch das Zuführen von Flüssigkeit. Der Goldstandard einer Infusion von Blutprodukten oder zumindest Kochsalzlösung fällt auf dem Ausbildungsstand eines Rettungshelfer weg. Alternativ sollte aber zumindest Elektrolyt Lösung zum Trinken vorhanden sein. Diese ließe sich auch mit mit einem Darmrohr oder Foley-Katheter rektal verabreichen. Dazu mehr in einem anderen Artikel.
Ebenfalls fehlt im Rucksack die Beckenschlinge. Zwar wird diese im Rahmen der genannten Ausbildungen nicht ausgebildet, bietet aber eine echten Mehrwert bei der Stabilisierung des Patienten. Neben dem (hoffentlich) Reduzieren des Blutverlustes stabilisiert die Beckenschlinge auch das Becken und reduziert so Schmerzen. Man könnte Sie also bei entsprechender zusätzlicher Fortbildung einsetzen oder auch improvisieren.
Disabilities
Mit der Diagnostikleuchte lässt sich in dem Bereich sicher eine Erste Untersuchung durchführen und die aufgeführten Schienen und die Cervikalstütze sind sicherlich auch im PFC Fall ein guter Anfang. Ein Blutzuckermessgerät mit entsprechenden Lanzetten ist je nach Patient sicherlich eine gute und lohnende Ergänzung, und wird in vielen Rucksäcken wahrscheinlich eh zu finden sein.
Enviroment
Was sicherlich fehlt ist eine ausreichende Ausstattung mit Material das für den Wärmeerhalt sorgt. 3-4 Rettungsdecken, eine Ready Heat Decke und ein entsprechender Schlafsack mit Unterlage sind notwendig.
Was fehlt noch?

Monitoring
Hinzu kommen diagnostische Materialien die wenig Platz einnehmen aber sehr hilfreich sein können. Hierzu gehören Point of Care Tests die auf schwere Krankheiten, Schwangerschaft und Herzinfarkt hinweisen können sowie Urin- Teststreifen, die Anhaltspunkte zu Infektionen und inneren Verletzungen liefern können.
Hinzu kommen könnte ein einfaches EKG das die Herztätigkeit überwacht. Hier hat meine eine kontinuierliche Übersicht über den Zustand des Patienten.
Weitere Hilfsmittel sind elektronische Geräte wie Laktat und Hämatokrit Messgeräte. Sie können einzelne Parameter erfassen, die auf Schock oder Blutverlust hindeuten. Hier sieht das Verhältnis Gewicht und Kosten zu Nutzen Ratio aber deutlich schlechter aus.
Geräte wie Kapnographen, Ultraschall oder BGA Analyse Geräte sind sicherlich unglaublich hilfreich aber was die Kosten angeht auch außerhalb eines Bereiches der für private Anwender in Frage kommt.
Wundbehandlung
Große und verschmutzte Wunden müssen zwingend in einer PCC/ PFC Situation behandelt und gereinigt werden. Hier wäre Wundspüllösung / Infusionslösung ideal, wird aber in ausreichender Menge kaum mit zu tragen sein. Die Bundeswehr setzt hier auf ein Polyhexanid Konzentrat das einfach mit Trinkwasser verdünnt wird. Einerseits ist das sicher eine sehr smarte Lösung, andererseits handelt sich hier strenggenommen um ein Medikament. Somit kann man hier auch auf vorhandenes Trinkwasser zurück greifen ohne ein rechtliches Risiko einzugehen. Um die Wunde effektiv zu spülen benötigt man hier noch eine Spritze mit Kanüle.
Hinzu kommt: Wundhöhlen, aus denen die Spülflüssigkeit nicht einfach ablaufen kann, werden nie mit Desinfektionslösung gespült.
Des weiteren sollten allerdings eine Schere, ein Skalpell, eine Pinzette und sterile Tücher und sterile Handschuhe vorhanden sein. Somit lassen sich auch kleinere Fremdkörper entfernen und tote Haut weg schneiden.
Zusätzlich zu den vorhanden Materialien sollte zur Wundversorgung noch Frischhaltefolie mitgeführt werden. Aufgrund der Herstellung ist Fischhaltefolie keimarm bis keimfrei und ersetzt vielen Fällen Wundabdeckungen und Heftpflaster. Weiter praktische Helfer in diesem Bereich sind Folienverbände (z.B. Tegaderm) oder Klebevlies (z.B. Mullostretch).
Medikamente
Es ist schwierig Empfehlungen für bestimmte Medikamente abzugeben. Medikamente erfordern ein hohes Maß Wissen und eine sehr genaue Beachtung der äußeren Umstände. Neben der klimatischen Begebenheiten spielen Transport und Lagerung eine sehr große Rolle. Eine grundsätzliche Empfehlung gibt der Artikel „Designing the Prolonged Field Care Kit (PFAK) the Logistical Challenges of Future Combat Casualty Care“ aus der Zeitschrift Military Medicine, Vol. 189.
Wesentlich für einen positiven Verlauf einer PFC/PCC Situation dürften Medikamente sein, die auch in MARCH PAWS genannt sind. Verletzungen und Infektionen sollten zwingend mit Antibiotika behandelt werden. Das gleich gilt sinngemäß für starke Schmerzen. Wie bereits mehrfach erwähnt, geht man bei der Gabe auf ein gewisses rechtliches Risiko ein, dass nur durch eine ärztliche Verordnung umgangen werden kann. Auch der Zugang zu bestimmten Medikamenten ist zumindest in Deutschland eingeschränkt. Ich möchte hier nicht weiter auf das Thema eingehen, sondern empfehle hier sich selbst schlau zu machen und selber zu entscheiden ob man sich in einem Drittland evtl. mit stärkeren Schmerzmitteln oder Antibiotika eindecken will oder seinen Hausarzt um ein Rezept bittet.
Krankenpflege
In einer PCC/ PFC Situation ist Krankenpflege eines der wesentlichsten Bestandteile der Behandlung. Es macht keinen Sinn begeistert auf die EKG Kurve zu blicken, während der Patient nicht warm, trocken, sauber, satt und ohne Druckstellen ist.
An Ausstattung Bedarf es hier zunächst einmal Waschlappen und Seife. Bewährt haben sich hier kleine gepresste Baumwolltücher und der Größe einer Tablette die im Kontakt mit Wasser aufquellen und auch mehrfach genutzt werden können. Als Seife eignet sich Rasierschaum sehr gut. Die alkalischen Eigenschaften lösen sogar Schmieröl und Ruß von der Haut. Hinzu sollte ein Hautschutz kommen der die Haut vor äußeren Einflüssen schützt. Eine durch die PFC Group empfohlene Möglichkeit ist hier Vaseline, die in sterilen Miniportionen verkauft wird. Vaseline hat den Vorteil das sie noch für eine Reihe von anderer Zwecke genutzt werden kann.
Für die Entsorgung von Exkrementen und Urin sollten einige stabile Müllbeutel und Urinbeutel mitgeführt werden. Mit Dreiecktüchern und Kleidung lassen sich Windeln improvisieren und zusammen mit Urinkondomen lässt sich zumindest bei Männern herausfinden wie die Flüssigkeitsbilanz ist. Hinzu kommen noch weitere Möglichkeiten den Urinbeutel zu nutzen. Unbenutzt und gefüllt mit frischem Wasser hat der Patient eine Trinkblase zum trinken.
Wichtig ist auch die Oralhygiene beim schwerkranken Patienten. Eine kleine Zahnbürste und Zahnpasta in Tablettenform sowie Chlorhexidin als Mundspülung ergänzt hier das Krankenpflege Set.
Soll extra Nahrung mitgeführt werden, eignet sich sicherlich kalorienreiche Nahrung in Form von Notnahrung (z.b. NRG 5) oder Spezialnahrung aus der Apotheke. Im Regelfall wird man an dieser Stelle aber improvisieren (müssen).
Kommunikation / Dokumentation
Während für den militärisch/ behördlich Anwender des PFC bereits solide Grundlagen im Bereich Kommunikation geschaffen sind, muss Sie eine Privatperson erst schaffen. Hilfsorganisationen und Soldaten haben in der Regel ein Funkgerät und eine Ansprechperson die Sie um Hilfe bitten können. Rein private Reisende müssen im Vorfeld zunächst einmal überlegen wenn Sie als Unterstützung im PFC kontaktieren wollen und können.
Hier bieten diverse Reiseversicherungen zumindest Notrufnummern für medizinische Beratung. Wie kompetent diese „normalen“ Versicherungen auf bestimmte Fragen reagieren sei ist schwer Vorherzusagen, allerdings gibt es auch Anbieter die auf Beratung und Unterstützung in extremen Lagen spezialisiert sind.
Ansonsten dürften Ärzte und medizinisches Personal aus dem Freundeskreis gute erste Ansprechpartner sein.
Jetzt stellt sich die Frage, wie diese erreicht werden können. Die erste Möglichkeit dürfte bei Zivilisation nahen Gebieten das Mobilfunkgerät sein. Es bietet durch Messenger auch die besten Voraussetzungen für Bild, Video und Ton.
Orte mit eingeschränktem Mobilfunk stellen den Privatanwender hier schon vor größere Herausforderung dar. Zwar sind Geräte mit Satellitenkommunikation inzwischen weit verbreitet, bieten aber entweder nur eingeschränkte Möglichkeiten (nur Text) oder sind zu groß und schwer (z. B. Starlink). Hinzu kommt, das man bei der Vorbereitung bei der Kommunikation redundant planen sollte. Ziel einer jeden PFC Sitution ist letzlich immer, sie zu beenden. Und das gelingt nur durch Kommunikation.
Eng verknüpft mit der Kommunikation ist die Dokumentation. Hier lassen Sich die entsprechenden Konzepte wie das Data Sheet und die Kommunikationsprotokolle von Prolonged Fieldcare. org 1:1 übernehmen. ( https://prolongedfieldcare.wordpress.com/2023/07/12/pfc-basics-documentation-chart-then-trend/)
Ziel ist dabei immer, alle wesentlichen Infos so kurz wie möglich zu übermitteln.
Dokumention hat aber auch einen weiteren, wesentlichen Vorteil. Durch das beständige festhalten von Vitalzeichen lassen sich bereits Probleme im Vorfeld erkennen. Ein einzelner Wert wie zum Beispiel Blutdruck sagt wenig aus. Erst eine kontinuierliche Messung lässt erkennen ob sich der Blutdruck steigt, sinkt oder sich stabilisiert.

Fazit
Im wesentlichen decken die genannten Dinge die wesentlichen Notwendigkeiten im PFC/PCC Fall ab und sind ein guter Startpunkt. Selbstverständlich gibt es natürlich eine Reihe von Gegenständen die hilfreich sein können. Allerdings liegen die notwendigen Maßnahmen dann weit außerhalb der Ausbildung eines Rettungshelfers. Sie finden sich trotzdem kurz angemerkt in der unten stehenden Tabelle
Hier noch mal das ganze als Tabelle. Die wichtigsten Punkte sind fett markiert :
cABCD
Tourniquets, Compressed Gauze, Hemostatic Gauze, Peep-Ventil, Nadeln zur Thorax Entlastung, Chest Seals, Beckenschlinge, Schlafsack /Ready Heat Decke
Erweitert: Set für Koniotomie, Tranexansäure, Foley Katheter, Tubus für Hämothorax, Infusionen
Wundversorgung
Spritze, Kanüle, stumpfe Schere, Skalpell, chirugische Handschuhe, anatomische Pinzette, 2-3Verbandtücher, Frischhaltefolie, Klebefolie oder -vlies, Wundspüllösung
Monitoring
Pulsoximeter, Point of Care Tests ( z.B. Troponin, Schwangerschaft, Malaria..), Urinmessstreifen, elektronische Messgeräte (Laktat, Hämotokrit, Zucker…),
Erweitert: 12 Kanal EKG, Ultraschalgerät, ETCO²
Medikamente
Schmerzmittel und Antibiotika, Elektrolyte,
Erweitert: Kreislaufmedikamente, Antibiotika als Injektion, BTM….. Siehe Studie unten.
Krankenpflege
Urinkondome, 2-3 Urinbeutel, Vaseline, Rasierschaum, komprimierte Baumwolltücher, Zahnbürste mit Zahnpastatabletten, Mundspülung, Müllbeutel, Material zur Polsterung und Lagerung
Foley Katheter
Kommunikation
Mobiltelefon, Satelliten Messenger oder-Phone, Mobiles Internet, Funkgerät
„Designing the Prolonged Field Care Kit (PFAK) the Logistical Challenges of Future Combat Casualty Care“ aus der Zeitschrift Military Medicine, Vol. 189.
Füllung Rettungsrucksack nach 1355 : DGUV Information 204-022: Erste Hilfe im Betrieb, Anhang 4 Inhalt des Sanitätskoffers nach DIN 13155
Dokumentation Prolongedfieldcare Working Group PFC Basics: Documentation-Chart then Trend | ProlongedFieldCare.org
Prolonged Care, Borden Institut 2024, ISBN 9781737131151
